Schlagquartett Köln

 

 

 

 

 

 

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Mauricio Kagel (1931-2008)

wurde am 24. Dezember 1931 in Buenos Aires geboren. Väterlicherseits entstammt er einer russisch-deutschen, mütterlicherseits einer russisch-ukrainischen Familie. Veranlasst durch die Judenpogrome in Russland, die nach der Oktoberrevolution stattfanden, waren seine Eltern in den 20er Jahren nach Argentinien ausgewandert. Das familiäre Milieu - Kagels Vater war Buchdrucker - wurde durch europäische Emigranten (Literaten, Architekten, Fotografen) geprägt, das lokale Milieu von Buenos Aires durch ein reichhaltiges Musikleben, zahlreiche kulturelle Anregungen und Vielsprachigkeit. Vier Faktoren lassen sich ausmachen, die Kagels argentinische, seit Beginn gleichsam polyphone Biographie beeinflusst haben: die europäische Kunstmusik, die Literatur, der Film, sowie die sprachliche und kulturelle Umwelt Südamerikas.
Ab dem siebten Lebensjahr erhält Kagel einen gründlichen Klavierunterricht, zuletzt bei Vincenzo Scaramuzza (einem Schüler von K.Tausig und damit Enkel-Schüler von Liszt). Später treten Violoncello, Klarinette und Gesang hinzu, die Lehrer sind Musiker des Teatro Colón. Dirigieren lernt Kagel bei Theodor Fuchs (einem Schüler von R. Heger). Ab 1949 wirkt Kagel als Interpret und Organisator bei der von Juan Carlos Paz geleiteten "Agrupación Nueva Música" mit, die die wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Buenos Aires aufführt. Kagel, dessen Werkverzeichnis 1950 beginnt, ist am stärksten von Schönberg beeindruckt. Zu musikpraktischen Tätigkeiten gehören die Leitung von Laienchören und 1955 bis 1957 ist Kagel zunächst Korrepetitor am Teatro Colón unter Erich Kleiber, später Dirigent der dortigen Kammeroper.
Kagels Jugend wurde zugleich bestimmt von intensiver literarischer und musikliterarischer Lektüre (er selbst nennt die Monteverdi-Monografie von H.F. Redlich und die Arbeiten von C. Sachs entscheidend). Belletristische Beschreibungen von Musik führen zu ersten kompositorischen Umsetzungen. Nach dem Abitur nimmt Kagel ein geisteswissenschaftliches Studium an der Universität von Buenos Aires (mit dem Schwerpunkt auf Literatur und Philosophie) und an der Freien Hochschule für Höhere Studien auf. Sein wichtigster Lehrer dort ist Jorge Luis Borges, dessen strukturalistisches Denken, dessen Enzyklopädismus und dessen Begriff von Literatur als Fort- und Umschreiben der Geschichte Parallelen zu Kagels späterem œuvre aufweisen. Daneben unterhält er persönliche Kontakte zu Witold Gombrowicz.
Die dritte biografische Linie Kagels beginnt bereits in der Kindheit, denn in unmittelbarer Nachbarschaft befanden sich die Studios einer argentinischen Filmgesellschaft. Häufige Beobachtungen der Dreharbeiten - unter anderem als Statist - führen Kagel zu der Einsicht, dass narrativer Realismus nichts anderes ist als ästhetischer Schein, dass die visuelle und auditive Ebene des Films getrennt behandelt werden können und dass die erzählerische Kontinuität der Einstellungsfolgen im Prozess der Produktion zumeist aufgehoben ist. Aus Resten und Abfällen höchst unterschiedlicher Filme setzt Kagel erste eigene Streifen zusammen. Von den beiden in Argentinien selbstgedrehten Filmen fällt der erste - nach dem Borges-Gedicht "Muertes de Buenos Aires" - der peronistischen Zensur zum Opfer. 1950 ist Kagel Mitbegründer der argentinischen Cinemathéque, 1952 bis 1956 Kritiker für Film- und Fotozeitschriften.
Bei der südamerikanischen Umwelt schliesslich ist es die Funktionalität der musikalischen Folklore besonders Argentiniens und Brasiliens, die Kagel interessiert und die er als Teilnehmer ethnologischer Feldforschung erkundet. Der zweite lebensweltliche Bestandteil ist die Sprache, die Kagel als Vielsprachigkeit im Alltag von Buenos Aires und ebenfalls als Originalsprachen in Oper und Film erlebt, eine Vielsprachigkeit, deren Fehler bei mündlichen Sprechakten er eine Quelle der Kreativität nennt.
Dem Rat von Pierre Boulez, der sich mehrfach in Buenos Aires aufhielt, folgend, fasst Kagel den Plan, nach Europa auszuwandern. Am 30. September 1957 trifft Kagel mit seiner Ehefrau, der Bildhauerin Ursula Burghardt, in Deutschland ein (deutsche Staatsbürgerschaft seit 1980). Er nimmt bis heute Wohnsitz in Köln, wo er im Elektronischen Studio des Westdeutschen Rundfunks arbeitet und gleichzeitig Kommunikationswissenschaft bei Werner Meyer-Eppler an der Universität Bonn studiert.
Neben dem umfangreichen Schaffen als Komponist sowie als Dirigent und Regisseur eigener Werke widmete sich Kagel immer wieder pädagogischen Tätigkeiten:
1960 bis 1966 Dozent bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, 1964/65 Slee Professor für Komposition an der State University of New York in Buffalo, 1967 Gastdozent an der Film- und Fernsehakademie Berlin, 1968 Leiter der Skandinavischen Kurse für Neue Musik in Göteborg, 1969 bis 1975 Leiter der Kölner Kurse für Neue Musik, 1974 bis 1997 Professor für Neues Musiktheater an der Musikhochschule Köln, 1998 Composer in Residence beim Tanglewood Music Festival.
Vortrags- und Konzertreisen führen Kagel 1963 in die USA, 1973 mit dem "Kölner Ensemble für Neue Musik" durch den Vorderen Orient und Asien, 1974 durch Südamerika, die USA und Kanada. Seit 1977 finden zahlreiche Retrospektiven des Kagelschen Werkes in Europa, Kanada, den USA und Japan statt. Die Arbeit Kagels ist häufig mit Preisen ausgezeichnet worden, darunter der Preis der Koussevitzky-Music-Foundation (1965), Preis der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (1966, 1972), Adolf-Grimme-Preis (1970, 1971), Karl-Sczuka-Preis (1970, 1995), Prix Italia (1977, 1985), Hörspielpreis der Kriegsblinden (1979); Mozart-Medaille der Stadt Frankfurt (1983), Commandeur dans " L 'Ordre, des Arts et des Lettres de la République Francaise " (1985), Premio lanni Psacaropulo (1989), Erasmus-Preis (1998), Prix Maurice Ravel (1999), Ernst von Siemens Musikpreis (2000).

Dressur, Schlagzeugtrio für Holzinstrumente 1976/77

Diese Komposition, ein Auftrag des Centre Européen pour la Recherche Musicale, wurde am 11. November 1977 bei den 6. Rencontres Internationales de Musique Contemporaine von Metz uraufgeführt. Es gehört zusammen mit "Présentation", "Déménagement" und "Variété" zu einem Zyklus mit dem Titel "Quatre Degres". Auf Einladung von Armin Brunner habe ich im Oktober 1985 für das Schweizer Fernsehen eine Produktion des Werkes realisiert. Es ging hier darum, den individuell betonten, komplexen Verlauf des Instrumentalspiels so zu zeigen, dass eine vollwertige Polyphonie von Bildern und musikalischen Aktionen entstehen konnte. Dafür habe ich 4 Kameras eingesetzt, eine davon in der Höhe starr montiert, die das Geschehen fortlaufend registrierte, während die restlichen drei auf die jeweiligen Schlagzeuger verteilt wurden.
"Dressur" ist eine Reflexion über die Welt des Zirkus als Parabel einiger Zwänge des Musiklebens, über Mögliches und Unmögliches der Ausführenden zueinander, über den ärgerlichen Preis, den jede öffentliche Vorführung vom Interpreten verlangt. Sicher sind diese Aspekte auch gesellschaftsbedingt, aber es wäre irreführend zu behaupten, man würde die Probleme, die mit Aufführung und Verbreitung von Musik zusammenhängen gleichsam lösen, wenn alle gesellschaftlichen Probleme gelöst wären (Solange es Musik gibt, haben alle Beteiligten einen guten Teil ihrer Zeit mit Aussermusikalischem verbracht...).
Für die Fernsehproduktion habe ich jedenfalls ein kleines Zirkuszelt bauen lassen, um das Spiel der Musiker in eine authentische Umgebung zu setzen. Die unterschiedlichen Konflikte, Antagonismen und augenblicklichen Liaisons der Ausführenden finden so in einer den akustischen Handlungen angemessenen Atmosphäre statt.

Mauricio Kagel (Juli 1986)

Rrrrrrr... Sechs Schlagzeugduos 1981/82

Als ich über dieses Stück nachzudenken begann, stellte ich mir D'Alembert während der langwierigen Arbeit an seiner Enzyklopädie vor, häufig auf den Manuskriptseiten einnickend, in denen nur Begriffe mit dem Anfangsbuchstaben "R" vorkamen. In seinem Halbschlaf überlappten sich die präzisen Bedeutungen der Definitionen recht unwissenschaftlich mit der Möglichkeit, sie folgerichtig assoziativ und sinnverwirrend zu kombinieren. Ich brauchte diese Idee nur wenig zu verändern, um mein Wissen - im Sinne Diderots - klärend zu erweitern und das Projekt realisierbar zu machen. So wandelte ich den Ausgangspunkt einer allgemein verfassten Enzyklopädie in ein Musiklexikon um , nahm eine Taschenbuchausgabe zur Hand (Ferdinand Hirsch:"Wörterbuch zur Musik", Verlag Neue Musik, Berlin/DDR) und war gleich inmitten sich unendlich vermehrender Felder von zwingender Semantik bis zu entlegenen Regionen musikwissenschaftlicher Dichtkunst.

"Rrrrrrr..." besteht aus 41 autonomen Musikstücken, die alle mit dem Anfangsbuchstaben "R" beginnen. Die jeweilige Besetzung (Orgel, Klavier, Schlagzeugduo, Bläser, Kontrabässe und Schlagzeug; Solo-Stimmen, Jazz-Ensemble) wird als separates Heft herausgegeben. Eine Aufführung aller 41 Stücke ergibt die Radiophantasie "Rrrrrr".

  • Railroad Drama, Eisenbahnkatastrophe. Abgeleitet aus railroad song (engl./ amerik. =Eisenbahngesang)
  • Ranz des Vaches, franz. = Kuhreigen: erzählend liedhaftes Reigenspiel in den romanischen Alpenländern
  • Rigaudon, altfranz. Volks- und Gesellschaftstanz; im 17.Jh. aus Volkstänzen der Provence und des Langedouc hervorgegangener Reihen- und Paartanz im lebhaften 3/4, 4/4- oder Alla-breve-Takt mit vorherrschender Viertel- und Achtelbewegung, meist mit einem Auftakt von einem Viertel beginnend. Als Hoftanz findet der Rigaudon im 17./18. Jh. Eingang in Ballet, Oper und instrumentale Suite, wo er häufig zwischen Sarabande und Gigue eingeschoben wird. Enge Beziehungen bestehen zu Bourée und Gavotte.
  • Rim Shot,(engl. - Randschuss), Randschlag: harter, knallartiger Trommelschlag, bei dem der Trommelstock gleichzeitig Fell und Rand (Reifen) trifft.
  • Ruf, Schlagart auf der kleinen Trommel, etwa in der Art des Kurzwirbels.
  • Rutscher altd. Volkstanz; Galopp

(aus Ferdinand Hirsch: Wörterbuch der Musik, Berlin 1977)

mehr Informationen über Mauricio Kagel: www.edition-peters.de

 

 

 

 

 

 

 

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